Aufstand in der Krivošije
Der Aufstand in der Krivošije bezeichnet zwei bewaffnete Konflikte der montenegrinisch-stämmigen Bergbevölkerung gegen die österreichisch-ungarische Monarchie in den Jahren 1869 und 1882 mit dem hauptsächlichen Hintergrund des Widerstandes gegen die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht für die süddalmatinischen Bezirke.
Krivošije ist der Name eines Hochplateaus im östlichen Teil des Orjen-Gebirges zwischen dem Polje Grahovo und der Bucht von Kotor. Die Krivošije bildet heute einen Teil des Staatsgebietes von Montenegro.
Bis zur Eroberung durch das Osmanische Reich im Jahr 1499 bestand auf dem Gebiet des heutigen Montenegros seit dem 10. Jahrhundert ein Fürstentum mit dem Namen Zeta. Auf Grund des nur schwer zugänglichen Gebietes mussten sich die Osmanen in der Zeta jedoch mit der Kontrolle über die Küstenorte sowie die Becken (Poljen) von Grahovo und Nikšić begnügen. Auch das Tımar-System – die im osmanischen Reich bestehende Verpflichtung zur Abgabenleistung – wurde in dieser Region nicht angewandt. Trotz offiziell unter osmanischer Hoheit stehend, behielten sich die Bewohner des Gebietes somit eine große Eigenständigkeit. Dies führte so weit, dass 1603 der Sultan die Autonomie Montenegros anerkannte. Faktisch war dieser „Staat“ allerdings nur ein lose verbundenes, durch rivalisierende Clanstrukturen geprägtes Gemeinwesen, das unter der meist eher symbolischen Führung der orthodoxen Bischöfe von Cetinje nur durch die äußere Bedrohung durch die Osmanen zusammengehalten wurde. Die Akzeptanz einer fremden Herrschaft sowie deren staatlicher Organe und Anordnungen war daher traditionell in diesem Gebiet kaum ausgeprägt.
Ein Teil des Küstengebiets um die Bucht von Kotor stand ab der Mitte des 15. Jahrhunderts unter venezianischer Herrschaft. 1797 wurden die venezianischen Besitzungen an der Ostküste der Adria durch den Vertrag von Campo Formio als Kronland Dalmatien an Österreich angegliedert. Nach der Eroberung durch die Truppen Napoleon Bonapartes ging das Land zwar im Jahr 1805 an Frankreich verloren, wurde mit der Neuordnung durch den Wiener Kongress im Jahr 1815, einschließlich des Gebietes des bis 1806 unabhängigen Stadtstaates Ragusa (heute Dubrovnik), als Königreich Dalmatien jedoch wieder Bestandteil des Kaisertums Österreich. Die Krivošije, im Kreis Cattaro gelegen, bildete das Grenzgebiet zwischen Dalmatien, der Herzegowina (bis 1878 Teil des Osmanischen Reiches) und dem Fürstentum Montenegro.
Bewohnt war das Gebiet von montenegrinisch-serbischen Bergstämmen, die aufgrund der regionalen Abgeschiedenheit und Entfernung zu Wien nur eine geringe Zugehörigkeit zur Monarchie empfanden.
1. Aufstand (1869)
Das am 5. Dezember 1868 durch den Reichsrat verabschiedete Wehrgesetz verpflichtete auch die bislang vom Militärdienst gänzlich befreite männliche Bevölkerung der Kreise Ragusa (Dubrovnik) und Cattaro ab Oktober 1869 zum Wehrdienst. Obwohl durch den Artikel III begünstigt, in dem nur zum Dienst in der zur Verteidigung der engeren Heimat bestimmten Landwehr verpflichtet, weigerten sich die Bocchesen - historische Bezeichnung der in der Bucht von Kotor (Bocche di Cattaro) lebenden Bevölkerung - dennoch, dem neuen Gesetze Folge zu leisten, und beriefen sich auf ein altes Privileg, auf Grund dessen sie nur zum Seedienst herangezogen werden dürften.
Ein weiterer Grund für die Ablehnung des Wehrdienstes lag darin begründet, dass die jungen Bocchesen traditionell Arbeit im Ausland suchten und erst nach einigen Jahren der Abwesenheit wieder mit entsprechenden Ersparnissen wieder in die Heimat zurückkehrten. Die Verpflichtung zum Dienst im Heer würde diesem Bestreben natürlich entgegenstehen.
Außerdem rief der Umstand, dass beabsichtigt war aus den Wehrpflichtigen der Kreise Ragusa und Cattaro ein gemeinsames Bataillon zu formieren, ob der historischen Rivalität zwischen den beiden Städten, Unmut hervor.
Die Gemeinden Dobrota, Perast und Prčanj erklärten als erstes, dass sie die jungen Männer nicht in die Listen der Landwehr eintragen würden. Die Festungskommandantur von Cattaro drohte daraufhin das Standrecht einzuführen, worauf alle anderen Gemeinden dem Beispiel der drei genannten Gemeinden folgten. Die Bewegung fand in den Priestern und Gemeinde-Vorstehern Unterstützung, die Taufregister und andere Register verbrannten und Mitglieder der Kommissionen zur Durchführung der Assentierung (Musterung) tätlich angriffen oder vertrieben. Zugleich flüchteten die Stellungspflichtigen jungen Männer in die Berge oder ins nahe Montenegro und entzogen sich so der Assentierung. Darüber hinaus wurden durch Četen (Partisanengruppen) strategisch wichtigen Positionen besetzt. Unterstützung erhielten die Aufständischen durch das Fürstentum Montenegro, das auf Grund der ethnischen Zusammensetzung der Bevölkerung Gebietsansprüche auf Süd-Dalmatien erhob.
Den Beginn des bewaffneten Aufstandes bildete am 7. Oktober 1869 ein Überfall auf ein Truppendetachement, das sich am Weg zur Verstärkung des Forts Dragalj befand. Die infolgedessen ab Mitte Oktober mit den k.u.k. Infanterieregimentern 7, 48 und 52 sowie den k.u.k. Feldjägerbataillonen 8 und 9 mit Unterstützung durch die Kriegsmarine vorgenommene Expedition gegen die Krivošije scheiterte auf Grund der schwierigen Geländebedingungen, der schlechten Witterungsverhältnisse und der Zähigkeit der rund 1.500 - 2.000 Aufständischen. So waren trotz des unter großen Mühen gelungenen Vordringens der Hauptstreitmacht unter Graf Karl von Auersperg bis zum Fort Dragalj am 20. November eine sofortige Räumung des besetzten Gebietes, dessen Überlassung an die krivošijer Aufständischen und der Beginn von Verhandlungen zur Beendigung des Feldzuges nötig.
Der Konflikt endete am 11. Januar 1870 mit dem Frieden von Knežlaz, der den Rebellen große Zugeständnisse einräumte. So erhielten die Insurgenten vollständige Amnestie und das Recht zur Beibehaltung ihrer Waffen. Auch die Einführung der Wehrpflicht in Süd-Dalmatien wurde vorerst ausgesetzt.
Die k.k. Verwaltung setzte vorerst auf Bildung und Information über die Organisation eines modernen Staates in dem ua. mehrere neue Schulhäuser in der Region errichtet wurden.
2. Aufstand (1881/1882)
Im Jahr 1878 erfolgte durch Österreich-Ungarn die Okkupation Bosniens und der Herzegowina. Damit verlor die Krivošije ihre totale Abgeschiedenheitslage. In Verbindung mit dem Respekt der örtlichen Bevölkerung vor dem militärischen Erfolg Österreich-Ungarns im Zuge des Okkupationsfeldzuges und den erfolgten Informationsmaßnahmen, beurteilte man in Wien, dass der Widerstand gegen die Erfüllung der Wehrpflicht gesunken sei und beabsichtigte mit dem Jahr 1881 die Bestimmungen des Wehrgesetzes auch in Süd-Dalmatien umzusetzen.
Im März 1881 erfolgte daher eine entsprechende Information an die Bevölkerung. Von Seite der Gemeindevertreter wurde Zustimmung und die erforderliche Unterstützung bekundet. Eine Ausnahme bildeten Krivošije und Ledenice.
Ende Oktober erfolgten die Assentierungen (historischer Begriff für Stellung). Zu dieser waren die Wehrpflichtigen von Krivošije, Ledenice und Ubli jedoch nicht erschienen. Auch ein neu festgelegter Termin dazu wurde nicht befolgt. Damit war der Widerstand gegen das Wehrgesetz Tatsache.
Eingeschränkt durch die Maßnahmen der öu. Verwaltung in der Herzegowina wurde die Krivošije auch zum Rückzugsgebiet von räuberischen herzegowinischen Banden. Bedroht durch diese Banden musste am 7. November 1881 der Gendarmerieposten in Dragalj aufgelassen werden. In Folge wurden durch die Banden und Aufständische staatliche öu. Einrichtungen in der Krivošije zerstört; so die Wachhäuser in Crkvice und Ledenice, die Schulhäuser in Univine und Dragalj sowie das Pfarrhaus in Ubli. Raubzüge erfolgten auch gegen die Küstenorte.
Dies veranlasste die staatlichen Organe zunächst zum Einsatz von 3 Jägerbataillonen zum Schutz der Küstenorte. Maßnahmen in der Krivošije und ein aktives Vorgehen waren auf Grund der Witterung und der fehlenden Truppenstärke zunächst nicht möglich. Nachdem am 29. Dezember 1881 auch ein Überfall auf den Gendarmerieposten von Kameno erfolgte, wurde der Entschluss gefasst den Aufstand mit Waffengewalt niederzuschlagen.
Rund 1.200 Insurgenten wurden in Süd-Dalmatien vermutet. Diese verübten im Jänner und Anfang Februar 1882 weitere Überfälle auf Ortschaften und bekämpften zu deren Schutz aufgebotenen Truppen.
Phase 1 - Einnahme der Höhenposition
Mit 6. Februar 1882 waren die für ein offensives Vorgehen gegen den Aufstand erforderlichen Truppen in einer Gesamtstärke von rund 25.000 Mann verfügbar. Es handelte sich dabei um:
- XVIII. Infanterie-Truppen-Division in Mostar mit 10 Infanterie- und 3 Feldjägerbataillonen, 3 Gebirgs-Batterien und 2 Genie-Kompanien
- XLIV. Infanterie-Truppen-Division in Trebinje mit 9 Infanterie- und 1 Feldjägerbataillonen, 1 Gebirgs-Batterie und 2 Genie-Kompanien
- XLVII. Infanterie-Truppen-Division in Castelnuovo mit 12 Infanterie- und 5 Feldjägerbataillonen, 4 Gebirgs-Batterien und 1 Genie-Kompanie
Zur Sicherstellung der Einheit der Führung im Raum wurden alle Truppen in Süd-Dalmatien und der Herzegowina dem am 17. Jänner 1882 gebildeten “k.k. Truppen-Commando für Dalmatien und die Hercegovina” unter Feldmarschallleutnant Stefan Freiherr von Jovanović unterstellt. Eine Unterstützung erfolgte auch durch mehrere schwimmende Einheiten der k.u.k. Kriegsmarine.
Die erste Phase der Operation gegen die Aufständischen umfasste am 9. Februar 1882 das Gewinnen der Höhen oberhalb der Bucht von Kotor durch die XLVII. Infanterie-Truppen-Division. Damit waren nicht nur die Küstenorte vor weiteren Überfällen geschützt, sondern auch die uneingeschränkte Bewegung und somit Versorgung über die Küstenstraße sichergestellt.
Das weitere Vordringen in die Krivošije sollte erst bei günstigeren Witterungsverhältnissen und im Zusammenwirken mit der XLIV. Infanterie-Truppen-Division erfolgen.
Trotz Verhängung des Standrechts im Falle der Unterstützung oder Mitwirkung am Aufstand und Beginn der Entwaffnung der Bevölkerung erfolgten bis Anfang März 1882 beinahe tägliche Zwischenfälle, die auf beiden Seiten zu Toten und Verwundeten führten.
Phase 2 - Expedition in die Krivošije
Zwischen 7. und 10. März 1882 drang die XLVII. Infanterie-Truppen-Division mit 8 ½-Bataillonen und 3 Gebirgs-Batterien auf 7 Kolonnen aufgeteilt schließlich ins Innere der Krivošije vor.
Unterstützt wurde dieses Vorgehen durch die XLIV. Infanterie-Truppen-Division mit 4 Bataillonen und 1 Gebirgs-Batterie, um ein Ausweichen der Insurgenten auf herzegowinisches Gebiet zu verhindern, sowie durch die Fregatte S.M.S Laudon.
Die Aufständischen konnten dadurch auf ein kleines Gebiet im nördlichsten Teil der Krivošije zurückgedrängt werden. Zur weiteren Beherrschung des inbesitzgenommenen Raumes wurden entscheidende Punkte permanent besetzt und befestigt sowie Unterkünfte errichtet.
Phase 3 - Streifung in die nördliche Krivošije
In der Zeit von 2. bis 5. April 1882 erfolgte durch die XLVII. Infanterie-Truppen-Division mit 4 Bataillonen und 1 ½-Gebirgs-Batterien ein Streifzug in die nördliche Krivošije. Teile der XLIV. Infanterie-Truppen-Division unterstützten wiederum durch eine Abriegelung im Westen und somit der Verhinderung des Ausweichens der Insurgenten in die Herzegowina.
Die Folge der Aktion war, dass die Handlungsmöglichkeiten der Aufständischen weiter eingeschränkt werden konnten, nicht nur in dem ihnen hohe personelle Verluste zugefügt werden konnten, sondern auch deren Ressourcen beengt und Wohnsitze zerstört wurden.
Phase 4 - Streifung in die östlichen Grenzgebiete
Im Zeitraum zwischen dem 18. und 20. April 1882 erfolgte durch Teile der XLVII. Infanterie-Truppen-Division ein Streifzug in die östlichen Grenzgebiete, um so die Bewegungsfreiheiten der Aufständischen weiter einzuschränken.
10. Gebirgsbrigade
Zur einfacheren Führung und Koordinierung der in der Krivošije eingesetzten Truppen wurde innerhalb der XLVII. Infanterie-Truppen-Division mit 1. Mai 1882 das Kommando 10. Gebirgsbrigade neu aufgestellt und diesem alle in der Krivošije befindlichen Truppen unterstellt. Zum Brigadekommandanten wurde Oberst von Reimann ernannt.
Phase 5 - Aufstand in Pobori
Verhielt sich bislang die Bevölkerung der anderen Gebiete in Süd-Dalmatien loyal gegenüber dem öu. Staat, so erklärten am 1. Mai 1882 die Bürger von Ober-Pobori (südlich von Kotor), dass sie nicht bereit seien, der Wehrpflicht nachzukommen. Bewaffnete besetzten darüber hinaus strategisch wichtige Punkte und verlangten von der Gendarmerie abzuziehen.
Um den Aufstand in der Župa genannten Region im Keim zu ersticken, erfolgte der Einsatz des 3. Feldjägerbataillons zur Entwaffnung der dortigen Insurgenten, welcher bis zum 4. Mai 1882 erfolgreich durchgeführt werden konnte.
Phase 6 - Aktion gegen den Rückzugsraum der Insurgenten
Eingeschränkt durch die bislang erfolgten Maßnahmen der öu. Truppen, verblieb den noch rund 300 - 400 Aufständischen nur mehr ein kleiner Rückzugsraum im Gebiet des 1.802 Meter hohen Vučji zub.
Im Zeitraum von 8. bis 12. Mai 1882 führte die XLIV. Infanterie-Truppen-Division eine Offensive zur endgültigen Zerschlagung der Insurgenten durch. 7 Kompanien, unterstützt durch 1 Gebirgs-Batterie, durchstreiften dazu das Gebiet sowohl von herzegowinischer Seite, als auch vom Süden aus.
Der Vormarsch erfolgte unter äußerst schwierigen Bedingungen, da die Truppe dabei in starkem, direktem feindlichem Feuer stand. Dem Leutnant Adam Brandner gelang es jedoch mit Teilen der 7. Kompanie des k.u.k. Infanterieregimentes Nr. 16 in den Rücken der gegnerischen Stellungen vorzustoßen. Durch diesen überraschenden Angriff wurden die Insurgenten gezwungen, ihre Positionen aufzugeben. Nach der erfolgreichen Vertreibung der Aufständischen besetzten Brandners Truppen den Vučji Zub. Brandners Vorgehen führte somit unmittelbar zur Einnahme dieses Teil des Orjen-Gebirges, der für die Beherrschung des Raumes und somit der endgültigen Niederschlagung des Aufstandes in der Krivošije von hoher Bedeutung war.
Abschluss der Operation
Ab Ende Mai 1882 wurden keine Insurgententätigkeiten mehr in der Krivošije festgestellt. In Folge erfolgte am 1. Juni 1882 die Auflösung des “k.k. Truppen-Commando für Dalmatien und die Hercegovina”. Die diesem unterstellten Truppen gelangten wieder unter die Führung des jeweiligen Militärkommandos und wurden laufend reduziert.
Der Aufstand war zwar rasch und erfolgreich beendet worden, dennoch stellte die Umsetzung der Bestimmungen des Wehrgesetzes weiterhin eine Schwierigkeit dar. Denn trotz der versprochenen Amnestie entzogen sich viele Wehrpflichtige der Wehrpflicht durch Flucht nach Montenegro.
Verfasser
Oberst Thomas Lampersberger
Quellen
- Verlag des k.k. Generalstabes (Hrsg.), Der Aufstand in der Hercegovina, Süd-Bosnien und Süd-Dalmatien, Wien 1883
- Österreichische Akademie der Wissenschaften (Hrsg.), Die Habsburgermonarchie 1848-1918, Band V – Die bewaffnete Macht, Wien 1987
- Eduard Richter, Beiträge zur Landeskunde Bosniens und der Herzegowina, Wien 1907
- Renate Basch-Ritter, Österreich-Ungarn in Wort und Bild, Graz 1995
- https://de.wikipedia.org/wiki/Aufstand_in_der_Krivošije_(1869)
- https://de.wikisource.org/wiki/Der_Aufstand_in_der_Crivoscie_und_der_Herzegowina
- https://de.wikipedia.org/wiki/Krivošije
- https://www.historischerverein-stmk.at/wp-content/uploads/B_Jg44_Friedrich-Wilhelm-KOSCH-Steirische-Jäger-in-Süddalmatien.-Zum-Aufstand-im-Jahr-1869.pdf
- https://alex.onb.ac.at/cgi-content/alex?apm=0&aid=rgb&datum=18680004&seite=00000437&size=45&