Zwischen Déjà-vu und Nostalgie
Die Ausmusterungsfeierlichkeiten 2026 aus der Sicht eines im Vorjahr ausgemusterten Leutnants
363 Tage. Exakt diese Zeitspanne lag zwischen meiner Ausmusterung am 26. September 2025 und den diesjährigen Feierlichkeiten am 24. September 2026. In der subjektiven Zeitwahrnehmung kaum mehr als der Abstand zwischen zwei Schritten im unaufhaltsamen Marschtakt der Zeit. Hinter diesem vermeintlichen Augenblick erstreckt sich ein Kapitel des Fortschritts, voller neuer Aufträge, Herausforderungen und prägender Erfahrungen.
Vor einem Jahr stand ich noch selbst am Maria-Theresien-Platz, voller Adrenalin, Aufbruchsstimmung und Freude die Ausbildung absolviert zu haben. Der stolze Blick war nach vorne gerichtet, voller gespannter Erwartungen, wie es wohl sein würde, dieses erste Jahr als Offizier des Österreichischen Bundesheeres.
2026 stehe ich erneut auf diesem historischen und altehrwürdigen Platz, welcher bereits viele Generationen von Offizieren hat ausmustern sehen. Diesmal nicht als einer jener jungen Leutnante, deren beruflicher Weg hier seinen sichtbaren Anfang nimmt, sondern als Beobachter und Berichterstatter.
Vieles ist vertraut, das Antreten, die Kommandoabfolge, die Atmosphäre, die Festakte und die vielen Gesichter voller Anspannung und Vorfreude. Dennoch ist alles ein wenig anders. Was vor 363 Tagen noch unmittelbare Gegenwart war, ist nun eine Erinnerung.
Zwischen Déjà-vu und Nostalgie, inmitten persönlicher Erinnerung und gegenwärtiger Beobachtung, eröffnet sich ein ungewöhnlicher Blick auf Tage, die man nur allzu gut zu kennen glaubt. Was bleibt, wenn man an jenen Ort zurückkehrt, an welchem für einen selbst einst etwas Neues begann? Was sieht man plötzlich, wenn man nicht mehr Teil des Moments ist, sondern ihn mit einem Jahr Abstand betrachtet?
Vorstellung
Ich bin Leutnant Tobias Hausteiner, 25 Jahre alt und vor einem Jahr zusammen mit meinen 79 Kameraden des Jahrganges „Generaloberst Josef Roth“ als Offizier der Waffengattung Fliegerabwehr von der Theresianischen Militärakademie ausgemustert.
Wieviel in der Dauer eines einzigen Jahres alles passieren kann, wurde mir in den vergangenen Monaten deutlich bewusst:
Ich kam in die Lehrkompanie der Flieger- und Fliegerabwehrtruppenschule am Fliegerhorst Leopold Figl– Flugplatz General Pabisch in Langenlebarn als stellvertretender Kompaniekommandant. Stimmt so eigentlich nicht, denn am Samstag, dem 27. September 2025 im Rahmen des „Tages der Leutnante“ in die Truppe übernommen, ging es bereits am Montag, den 29. September 2025, für mich auf den Truppenübungsplatz Boletice in der Tschechischen Republik. Dort war ich zwei Wochen als Teil eines Geschütztrupps in meiner Waffengattung tätig.
Direkt im Anschluss fand ich mich mitten in der Vorbereitung auf die kommende Kaderführungsausbildung der 19. Kaderanwärterausbildung 1 wieder, welche ich von Anfang November 2025 bis Ende Januar 2026 als Zugskommandant führen durfte. Dort konnte ich an der Militärakademie gelerntes Wissen an Unteroffiziers- und Offiziersanwärter weitergeben und diese einen Teil ihres Weges mitbegleiten und prägen.
Es folgten einige Grundwehrdiener Einrückungstermine im März, Juli und September bei welchen ich die Agenden des stellvertretenden Kompaniekommandanten sowie für zwei Monate jene des Kompaniekommandanten übernahm.
Der Auftrag
Anfang September wurde ich von Oberst Thomas Lampersberger, dem Referatsleiter für Öffentlichkeitsarbeit an der Theresianischen Militärakademie, gefragt, ob ich Interesse hätte das ÖA-Team der Militärakademie während der Ausmusterung des Jahrganges „Major von Grabensprung“ als Redakteur zur Erstellung von Berichten zu verstärken. Ich war angetan von dieser Möglichkeit die Ausmusterungsfeierlichkeiten einmal aus einem neuen Blickwinkel zu erleben und nachdem ich seitens meiner Dienststelle die Freigabe hierfür bekam, blickte ich mit großer Vorfreude auf diesen Auftrag.
Der letzte Schliff
Unmittelbar nach meinem Eintreffen in Wiener Neustadt am 24. September fand ich mich mitten im Vorüben für die militärisch-akademische Feier wieder. Als der Bühnengang vorgeübt wurde, stellte ich als Rollenspieler einen der Gratulanten dar und gab so jedem der Absolventen die Hand. Jedes Gesicht erzählte eine andere Geschichte und ich erkannte meine Kameraden und mich vor einem Jahr wieder und erinnerte mich an all die Dinge, die in unseren Köpfen ein Konvolut an Gedanken bildeten. Während des Vorübens fragt man sich teilweise über die Notwendigkeit des Übens von jedem kleinen Detail, aber schlussendlich ist dies genau das, das den Ausmusterungsfeierlichkeiten an der Militärakademie ein klares Qualitätsmerkmal gibt. Nur so kann sichergestellt werden, dass alle Abläufe problemlos und perfekt durchgeführt werden können.
Zwischen Säbel, Ringen, Diplomrollen und Talar
Zum Start des ersten großen Festaktes der zweitägigen Ausmusterungsfeierlichkeiten, war die Stimmung wie vor einem Jahr. Eltern, Geschwister, sonstige Verwandte, Freunde und andere Wegbegleiter, allesamt ein würdiges und enorm stolzes Publikum bildend. Die Reithalle umfunktioniert zu einem großen Festsaal. Eine Mischung aus Begeisterung und gespannter Erwartung liegt in der Luft. Als der Bundesministerin für Landesverteidigung durch den Jahrgangskommandanten Oberst David Birsak gemeldet wird, ist es für mich wie vor einem Jahr. Gefühlt einen Augenblick zuvor stand dort doch noch Hauptmann Lankisch und meldete unseren Jahrgang zum Festakt angetreten.
Die folgenden Ansprachen fühlen sich nun noch lebendiger an, da ich mittlerweile die Inhalte des Gesprochenen teilweise in dem Jahr nach der Ausmusterung selbst erlebt habe. Der Ablauf ist mir so bekannt und dennoch kann ich es nicht wahrhaben, dass es bereits ein Jahr her ist. Die Kameraden des Jahrganges „Major von Grabensprung“ gehen nach und nach auf die Bühne, salutieren dem Publikum, holen sich die verdienten gratulierenden Worte ab und erhalten die Diplomrolle und den Akademiering. Es ist der erste Moment für viele in welchem realisiert wird, dass der finale Höhepunkt der Ausbildung im Gange ist.
Im Zeichen der Tradition – der Jahrgang Major von Grabensprung
Der Höhepunkt ihrer Zeit an der Theresianischen Militärakademie wird für die Absolventen im Zuge des Festaktes zur Verabschiedung ihres Jahrganges erreicht. Der Jahrgang „Major von Grabensprung“ löst uns, den Jahrgang „Generaloberst Josef Roth“, hierdurch als neuesten Ausmusterungsjahrgang ab und nimmt seinen Platz in den Generationen an Absolventen der Militärakademie ein. Genau wie bei uns findet in diesem Festakt alles, das in den vergangenen sechs Studiensemestern auf dem Exerzierplatz, im Hörsaal, in Führungstrainings, Truppenoffizierslehrgängen, dem Auslandssemester, dem internationalen Berufspraktikum und unzähligen Studienfächern und Ausbildungsabschnitten vorbereitet wurde, seinen sichtbaren Abschluss. Mit der Ausmusterung endet jedoch nicht lediglich ein Studium. Der Festakt markiert den Übergang von der Ausbildung zum Auftrag. Von der Rolle des Lernenden in jene des verantwortungstragenden Offiziers. Die Burg bietet die eindrucksvollste Kulisse, die es hierfür geben kann und es ist wahrlich ein Moment den niemand der Absolventen je vergessen wird.
Vor der ältesten aktiven Militärakademie der Welt angetreten zu sein, einer der traditionsreichsten Institutionen überhaupt, deren Geschichte weit über unser aller Lebenszeit hinausreicht, und meinem Land die Treue zu schwören, das war für mich einer der schönsten Momente meines Lebens. Seinen Säbel überreicht zu bekommen und sich um den Jahrgangskommandanten zu gruppieren und im Zuge des Kerbenschlagens aufeinander zuzurennen und freundschaftlich die ersten Kerben in das Standessymbol von uns Offizieren zu schlagen, selbstverständlich im wachenden Blickfeld der Statue unserer Gründerin, Maria Theresias, das ist ein Moment für die Ewigkeit, mit welchem sich der Jahrgang „Major von Grabensprung“ genau wie mein Jahrgang in die Geschichte österreichischer Offiziersausbildung eingeschrieben hat.
Beim Beobachten des Festaktes, erstmalig ohne selbst in irgendeiner Form Teil der Formation zu, wurde mir erstmals so wirklich bewusst, wie viele Menschen an diesem Festakt und an den Ausmusterungsfeierlichkeiten eigentlich tatsächlich involviert sind. Die Fotografen und Videografen, die sich um die besten Bilder und Videos einen Wettstreit liefern. Die Licht- und Tontechniker, die für einen reibungslosen Ablauf dieses Großereignisses sorgen. Die Sanitäter, welche jederzeit für Notfälle bereitstehen. Die Militärpolizisten, welche für die Sicherheit sorgen. Die Militärmusik, welche für eine ausgezeichnete musikalische Untermalung des Festaktes sorgt. Das Akademikerbataillon, welches zu Ehren des Ausmusterungsjahrganges exerziert. Der Burgherrenjahrgang, welcher mit den internationalen Militärstudenten der Veranstaltung beiwohnt. Die Moderatoren und Ablaufregler, die Parkplatzeinweiser, das Betreuungseinrichtungspersonal, welches für die Verpflegung sorgt. Die zahlreichen Zuschauer bestehend aus den Angehörigen der Absolventen und Schaulustigen und natürlich den Ehren- und Festgästen. Alle sind hier, um den Absolventen eine würdige und unvergessliche Veranstaltung zu ermöglichen und jeder trägt seinen Beitrag dazu bei, dass dieser Festakt Jahr für Jahr ein Erfolg ist.
Die Klänge des Großen Österreichischen Zapfenstreiches ließen mich eine Reise in das vergangene Jahr machen und riefen alle Erfahrungen und Erinnerungen wieder in den präfrontalen Kortex zurück.
Am meisten Nostalgie kam im Zuge des Jahrgangsscherzes und des Feuerwerks auf. Als mein Jahrgang vor 12 Monaten auf der Elisabethstiege stand, sahen wir unsere Drohnenshow, auf welche wir uns monatelang gefreut hatten. Es war spannend die Emotionen auf den Gesichtern der Kameraden mitzuerleben, als sie ihr wohlverdientes Feuerwerk im Anschluss an den gelungenen Scherz zündeten. In dieser erstmaligen Darbietung des Ausmusterungsfeuerwerkes seit 2021 kam dieses selbe Gefühl des letzten Jahres erneut zurück, all die Euphorie, die Dankbarkeit und die Wertschätzung.
Die Ausmusterung aus dieser Perspektive zu erleben, ermöglichte mir ein noch breiteres Verständnis über die Bedeutung dieses Festaktes im Leben von uns Offizieren.
Wo der neue Rang Gestalt annimmt
Nach dem fulminanten Tag mit Dekret- und Ringübergabe und Verabschiedung der Berufsoffiziere, inklusive des Verfassens meiner zwei Berichte darüber, war es am Freitag den 25. September an der Zeit den Tag der Leutnante zwölf Monate später erneut mitzuerleben.
Wie bereits im Zuge der Sponsion konnte ich bei den diesjährigen Ansprachen das Gesagte mit dem bereits Erlebten direkt verbinden und hierdurch einiges reflektieren. Besonders beeindruckend war es neben dem Gruß der Luftstreitkräfte durch zwei Eurofighter, das Treuegelöbnis mitzuverfolgen, sich darin auf die Mitte des Maria-Theresien-Platzes zurückzuversetzen und schlussendlich den Ausmarsch aller Formationen genau gegenüber von meiner Position letztes Jahr mitzuverfolgen.
Kein Abschied, sondern ein Auf Wiedersehen
Ein Jahr nach meiner Ausmusterung an die Theresianische Militärakademie zurückzukehren und an denselben Feierlichkeiten teilzunehmen, nicht mehr als Auszumusternder sondern als nun bereits einjährig ausgemusterter Leutnant, hat den Blick auf diese zwei besonderen Tage eindeutig verändert.
Vergangenes wurde wieder gegenwärtig und ich konnte neben einer vollumfänglichen Reflektion auf die Feiern des letzten Jahres, die Kameraden des neuen Ausmusterungsjahrgangs beobachten, wie sie diesen Tag erlebten, wohlwissend, dass ihnen das erste Jahr als Leutnant, welches ich nun bereits hinter mir habe, unmittelbar bevorsteht. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Faszination vieler ehemaliger Absolventen mit diesen zwei Tagen. Man glaubt, einen Moment hinter sich gelassen zu haben, bis man an seinen Ursprung zurückkehrt und erkennt, dass er einen längst weiter begleitet hat. Die Stimmen, die Kommandos, die Musik, das Antreten und schließlich die Säbelübergabe, das Kerbenschlagen, die Fahnenübergabe, der Große Österreichische Zapfenstreich, das Treuegelöbnis und der feierliche Ausmarsch – all das besitzt aus der Distanz eine andere Bedeutung. Man sieht nicht mehr nur die Zeremonie im Tunnelblick des Fähnrichs oder des Auszumusternden.
So bleibt am Ende kein Gefühl des endgültigen Abschieds. Denn an einer Institution, an der Generationen kommen und gehen, an der Tradition nicht in der Vergangenheit verharrt, sondern von Jahrgang zu Jahrgang weitergetragen wird, ist ein Ende stets nur eine neue Etappe. Der letzte Schritt des einen Jahrganges wird zum ersten Schritt des nächsten. Ein Kommando verhallt, eine Formation löst sich auf – und irgendwo formiert sich bereits die nächste und der jüngste Jahrgang träumt von seiner Ausmusterung, die sich so weit entfernt anfühlt.
Vielleicht ist das die eigentliche Beständigkeit dieses Ortes. Nicht, dass alles bleibt, wie es war, sondern dass immer jemand nachkommt, der den Weg weiterführt.
Der eigene Schritt verliert sich irgendwann im Gleichschritt der nächsten Generation. Der eigene Name wird Teil einer langen Reihe. Solange jedoch irgendwo auf diesem historischen Grund der Theresianischen Militärakademie wieder Stiefel antreten, ein Kommando erklingt und junge, ambitionierte, mutige Menschen den ersten Schritt in ihre Verantwortung setzen, bleibt auch der eigene Weg ein Teil davon.
Keine Verabschiedung also. Bloß ein Auf Wiedersehen. Irgendwann, irgendwo, im nächsten Kapitel derselben Geschichte.