Der gleiche Schritt, ein anderer Takt - Die gleiche Berufung, ein anderer Weg
Die Ausmusterungsfeierlichkeiten 2026 aus der Sicht dreier ausländischer Offiziersanwärter
Fahnen im Wind, klingende Marschmusik, stramme Formationen: Die Ausmusterungsfeierlichkeiten an der Theresianischen Militärakademie sind für die österreichischen Offiziere der feierliche Höhepunkt und krönender Abschluss ihrer fordernden Ausbildung.
Für drei internationale Offiziersanwärter wurden sie zugleich zum Blick über den eigenen Tellerrand. Cyprien Marais vom „Royal Military College Saint-Jean“ in Kanada, Hutch Miller von der „U.S. Naval Academy Annapolis“ in den USA und Andrew Freeman von der „U.S. Military Academy West Point“ kennen den Alltag einer Militärakademie aus eigener Erfahrung. Im Rahmen ihres Auslandssemesters an der Militärakademie erleben sie mit der Ausmusterung nicht nur eine beeindruckende Zeremonie, sondern auch Vertrautes in einer neuen Form – geprägt von anderen Traditionen, Ritualen und Wegen der Ausbildung. Sie sind dabei nicht lediglich Zuschauer, vielmehr sind alle internationalen Offiziersanwärter ein eigener Block, traditionell angetreten neben dem neuen Burgherrenjahrgang, also dem ältesten jener Jahrgänge, die an der Militärakademie verbleiben. In diesem Block stehen alle ausländischen Kadetten in ihrer jeweiligen Paradeuniform. Dies macht den Block visuell zu einem deutlich wahrnehmbaren Element aller angetretenen Formationsteile und zu einem Blickfang für Passanten und Zuschauer.
Royal Military College Saint-Jean - Kanada
Kadett Marais trägt eine rote Ausgangsuniform mit einem Pillbox Hut - ein steifer, ovaler bis runder Hut ohne Krempe, der oben abgeflacht ist. Eine im anglikanischen Raum traditionelle militärische Kopfbedeckung.
Das Royal Military College (RMC) Saint-Jean befindet sich in einem Fort aus dem 17. Jahrhundert in der Stadt Saint-Jean-sur-Richelieu, 40 km südlich von Montreal. Rund 300 Kadetten jährlich durchlaufen eine zweijährige akademische Ausbildung mit dazwischen liegenden militärischen Ausbildungsphasen.
Kadett Marais erklärt, dass die Ausmusterungsfeierlichkeiten an seiner Akademie nur zwei Tage dauern und nicht im Rahmen einer gesamten Woche vorbereitet und zelebriert werden.
Weiters würden er und seine Kameraden ausschließlich gleich zu Beginn ihrer Dienstzeit ein Treuegelöbnis leisten. Hierbei handelt es sich um den „Oath or solemn affirmation on enrolment“ bei welchem dem König die Treue geschworen wird. In Österreich war es für ihn neu, dass das Treuegelöbnis als Offizier im Rahmen der Ausmusterung am Tag der Leutnante erneut bestätigt wird. Dies sei in seinen Augen eine wunderbare Möglichkeit sein Gelöbnis zu bestätigen und symbolisch äußerst interessant, da es eine Verbindung zwischen dem Beginn der Karriere und Ausbildung mit dem Erreichen des großen Ziels, eine militärische Führungskraft für sein Land zu werden, darstelle.
U.S. Military Academy at West Point - USA
Kadett Freeman hebt besonders den Unterschied der Tageszeit in der Durchführung des Festaktes der Verabschiedung des Jahrganges zwischen der Theresianischen Militärakademie und West Point hervor. Ihm gefalle das Konzept, die Feier am Abend in der Dunkelheit mit Fackeln und Scheinwerfern abzuhalten, da dies die Stimmung zusätzlich episch und feierlich mache.
Die Unterschiede in den Uniformen seien für ihn ebenfalls bemerkenswert. In der U.S. Army gibt es alleine 5 unterschiedliche Paradeuniformen. Bei der diesjährigen Ausmusterung tragen er und seine weiteren West Point Kameraden die „India Whites“, die vollständig weißfarbige formelle Sommeruniform. Bei seiner eigenen Ausmusterung wird er die „Dress Gray“ anhaben und sich in die „long gray line“ einfinden, welche historisch als Begriff für alle Absolventen steht. Die graue Farbe entstammt historisch aus Engpässen von blauer Farbe und blauem Stoff während des Kriegs von 1812.
Außerdem findet Kadett Freeman die österreichische Säbeltradition sehr einprägsam und ihm gefällt das Kerbenschlagen.
Darüber hinaus sind ihm Gemeinsamkeiten durchaus sofort aufgefallen, wie vorrangig die Ringtradition. Jeder Absolvent der Theresianischen Militärakademie erhält im Zuge der militärisch-akademischen Feier in der Reithalle den silbernen Akademiering verliehen. Der Jahrgangsbeste Leutnant jenen in Gold. In West Point sind Ringe auch ein Teil der Tradition. Dort erhält man im Zuge des Ring Wochenendes als „Senior Cadet“, sprich Ausmusterungsjahrgangsmitglied, seinen West Point Klassenring am Beginn des letzten Ausbildungsjahres an der Akademie. Im Anschluss an die Verleihung folgt ein formelles Abendessen, sowie ein Ball. Ehemalige Absolventen können deren Ringe der Akademie spenden, wonach diese eingeschmolzen werden und für neue Ringe verwendet werden. Ein Symbol der generationsübergreifenden Weitergabe an Traditionen.
United States Naval Academy - USA
Midshipman (Seekadett) Hutch Miller von der United States Naval Academy in Annapolis begeistert wie unterschiedlich die Feierlichkeiten und die Strukturierung der Ausmusterungswoche zwischen den USA und Österreich sind.
An der Marineakademie im Bundesstaat Maryland nahe der U.S. Hauptstadt Washington D.C., bieten die zwei Wochen vor der Ausmusterung für jeden Jahrgang symbolische Höhepunkte. Die jüngste Klasse an der Akademie, dessen Mitglieder „Plebes“ genannt werden, haben in der Vorwoche der Ausmusterung den Auftrag das 6,4 Meter hohe Herndon Monument zu erklimmen. Dieses wird vorab mit Schmalz eingeschmiert und das Ziel der jungen Offiziersanwärter ist es, eine durch ältere Jahrgänge platzierte Plebe-Tellermütze auf dem Obelisk gegen eine Tellerkappe auszutauschen. Dieser Austausch markiert das Ende des Plebe-Jahres und somit das Ende als die jüngste Klasse der Akademie. Hierzu wird seit 1959 die Zeit mitgestoppt. Manche Klassen schafften es in nur 20 Minuten den Auftrag zu erfüllen, andere benötigten satte 4 Stunden. Traditionell bekommt die Person, die es schafft die Kopfbedeckung am Herndon Monument zu tauschen, die Tellerkappe oder die Schulterabzeichen des Akademiekommandanten.
Weiters ist die Ausmusterungswoche an der amerikanischen Marineakademie verglichen zu Österreich zeitlich nicht so intensiv durchgetaktet. Die ausmusternden Offiziere haben im Zuge der Woche Zeit Ihrer Familie den Campus der Akademie in Annapolis zu zeigen und mit ihnen an einem Gottesdienst teilzunehmen, sowie einer Probe und einer Vorführung der „Blue Angels“, der berühmten Kunstflugstaffel der U.S. Navy. Außerdem gibt es eine Color Parade bei welcher das Paradeexerzieren der Mishipmen Brigade zur Schau gestellt wird, einen Ausmusterungsball und eine Einladung des Akademiekommandanten in dessen Residenz am Gelände der Marineakademie bei welchem mit Live Musik, Speis, Trank und Fotomöglichkeit jeder Midshipman und dessen Angehörige den Kommandanten kennenlernen können. Im Anschluss gibt es die Möglichkeit kurz die historischen Räumlichkeiten des Farragut Hauses, in welchem der Akademiekommandant wohnt, zu sehen.
Die Ausmusterung findet schlussendlich am Football Feld des Navy-Marine Corps Memorial Stadium statt. Alle Angehörigen nehmen auf den Zuschauertribünen Platz. Die große Örtlichkeit ist allerdings unbedingt nötig, da die Ausmusterungsjahrgänge an der Marineakademie fast 15 mal so groß sind wie jene an der Theresianischen Militärakademie. Auch dieser Unterschied ist für Midshipman Miller sehr interessant.
Ähnlich zu Österreich sei die Tradition der Erneuerung des Treuegelöbnis. Die Absolventen der U.S. Naval Academy sagen es insgesamt sogar drei Mal, an ihrem „Induction Day“, beim Unterschreiben der Verpflichtungserklärung nach dem zweiten Studienjahr, sowie bei der Ausmusterung.
Internationales Semester
Insgesamt befinden sich für das Wintersemester 2026 36 ausländische Kadetten aus Bulgarien, Kanada, Litauen, Polen, Rumänien, der Tschechischen Republik und den USA an der Militärakademie.
Diese absolvieren das “Internationale Semester”. Dieses umfasst in englischer Sprache abgehaltene Lehrveranstaltungen aus verschiedenen Semestern, die zeitlich so gelegt wurden, dass eine Teilnahme an allen Lehrveranstaltungen und das Erreichen von 26 ECTS möglich war. Neben einer Sprachausbildung in Deutsch und "Tactical English" sowie einem Medientraining finden sich darin unter anderem Inhalte über das Internationale Humanitäre Völkerrecht, Electronic Warfare, die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik der Europäischen Union und die Rolle von internationalen Organisationen wieder. Auch der Sport kommt nicht zu kurz. Ein weiterer Fokus liegt auf der Thematik „Österreichische Militärkultur“, die über die Teilnahme an verschiedenen traditionellen Veranstaltungen, Truppenbesuchen und Teilnahme an Scharfschießen vermittelt wird.
Das Bataillonssportfest des Akademikerbataillons hat bei allen Kadetten für Eindruck gesorgt, ebenso wie das spektakuläre Feuerwerk über dem Nachthimmel von Wiener Neustadt. Das oftmalige Vorüben von den Details im Ablauf sorgte für ein vollumfängliches Verständnis, welchen Stellenwert Präzision, Tradition und Haltung sowohl im Österreichischen Bundesheer, als auch in der gesamten Republik genießen.
Nach den Ausmusterungsfeierlichkeiten fühlen sich alle angekommen und verankert in der ältesten aktiven Militärakademie der Welt. Denn militärisches Verständnis entsteht nicht allein in Hörsälen, auf dem Exerzierplatz, dem Truppenübungsplatz oder etwaigen Schießplätzen. Gerade der direkte Austausch mit Menschen der gleichen Berufung aus anderen Ländern eröffnet jungen Offizieren weltweit neue Perspektiven auf Führung, Zusammenarbeit und die eigenen militärischen Fähigkeiten. Was in Österreich selbstverständlich erscheint, kann in Kanada, Polen oder den USA ganz anders gelebt werden. Begegnungen und Erfahrungen wie solche, die die ausländischen Kadetten im Zuge der Ausmusterung 2026 machen durften, schaffen ein bilaterales Verständnis, das weit über das Kennenlernen unterschiedlicher Traditionen hinausgeht. Sie fördern Offenheit, gegenseitigen Respekt und die Kompetenz auch in internationalen Strukturen sicher und gemeinsam zu handeln. Somit lernen die ausländischen Offiziersanwärter an der Theresianischen Militärakademie nicht bloß das System eines anderen Militärs kennen, sondern haben auch die Gelegenheit, einmal die eigene Ausbildung mit neuen Augen zu betrachten.
Ein Bericht von Leutnant Tobias Hausteiner